Der Krise trotzen

Das Coronavirus trifft die Fachgeschäfte mit voller Wucht. Ob ganz geschlossen oder nur teilweise – die Umsatzeinbussen sind enorm. Im Gespräch mit Goinside zeigt sich, dass sich die Unternehmer mit überdurchschnittlichem Einsatz und viel Kreativität gegen die Krise stemmen.

«Not macht erfinderisch», erklärt André Wigger, Präsident Fachgeschäfte Gossau. Er ist in regelmässigem Kontakt mit allen Mitgliedern und kennt deren Sorgen. «Nicht alle unsere Mitglieder konnten finanzielle Reserven anlegen», meint Wigger. «Zudem ist die Situation sehr unterschiedlich. Ein Coiffeur hat keinerlei Möglichkeiten, seine Kunden zu bedienen. Andere können mit viel Erfindungsgeist ein Online-Angebot aufrechterhalten.» Die Regionalität gewinnt an Bedeutung und die Gossauer*innen vermissen das lokale Angebot. Eine gewisse Zuversicht ermöglichen die nun vom Bundesrat skizzierten Ausstiegsszenarien.

Allerdings irritiert die Tatsache, dass Grossverteiler bereits sehr schnell das ganze Sortiment verkaufen dürfen. «Dies ist für den Fachhandel, der später öffen darf, nachteilig», so Wigger.

Der Vorstand der Fachgeschäfte wurde auch beim Stadtrat vorstellig. «Wir sind bei Stadtpräsident Wolfgang Giella auf offene Ohren gestossen. Er ist sich der Wichtigkeit eines breiten Fachgeschäfteangebotes für die Stadt bewusst.» Stadtpräsident und Fachgeschäfte sind in regem Austausch und suchen gemeinsam nach Möglichkeiten, wie zusätzlich zu den Bundesmassnahmen individuelle Unterstützung geboten werden könnte.

Wir sind im regen ­Austausch mit dem Stadtpräsidenten, um für die Fachgeschäfte Unterstützungs­möglichkeiten zu finden.

André Wigger

Die Zeit zu Hause «verstricken»​

Normalerweise warten die Kundinnen geduldig im Ladengeschäft auf die Strickanleitung vom Wulleboutique-Team. Seit dem 16. März ist alles anders. Die Türen sind verschlossen, die Mitarbeitenden sind zu Hause. Trotzdem läuft das Telefon heiss. Ursula Schweizer und Martina Junker-Schweizer sind täglich im Geschäft. «Es ist uns wichtig, die Kundinnen zu beraten und mit neuen Strickideen mitzuhelfen, den Lockdown kreativ zu gestalten», erklärt Martina Junker-Schweizer. Sie jongliert den Arbeitsalltag zwischen Homeoffice, Zeit im Ladengeschäft und Kinderbetreuung. 
Die telefonische Beratung und der flexible, kontaktlose Bestell- und Lieferservice werden sehr geschätzt. Der Aufwand ist aber enorm. Eine gewisse Frustration lässt sich nicht verbergen. «Wir arbeiten mit Hochdruck, können den Umsatzverlust aber nicht kompensieren. Zudem fehlen der direkte Kontakt und die Strickunterstützung vor Ort», erklärt Ursula Schweizer. Sie berät die Kunden fast nonstop am Telefon mit ihrer immensen Erfahrung. Wie beurteilen Mutter und Tochter die Zukunft? «Wir glauben fest, dass die Kunden nach der Krise wieder in den Laden kommen, werden unser Online-Angebot aber sicher aufrechterhalten.»

wulleboutique-schweizer.ch

Die Modelle warten im Ladengeschäft an der Herisauerstrasse einsam auf Strickbegeisterte.

Laden zu – ­Geschäft offen​

Die Gutenberg Buchhandlung ist seit Wochen geschlossen. André Wigger musste für seine Mitarbeitenden Kurzarbeit anmelden. Der Umsatzrückgang ist signifikant. Dies ist in Kurzform die Zusammenfassung der negativen Auswirkungen. Für André Wigger trotzdem kein Grund, den Kopf in den Sand zu stecken. Die Buchhandlung ist per Telefon zu den gewohnten Öffnungszeiten, per E-Mail und über den Online-Shop immer erreichbar. «Wir legen sehr viel Wert auf telefonische Beratung und bleiben so mit unseren Kunden in Kontakt.» Die gewünschten Medien werden portofrei gegen Rechnung versandt. Innerhalb von Gossau ist André Wigger als Velokurier unterwegs und legt die Bücher in den jeweiligen Milchkasten. Diese Art der Kundennähe gewinnt viel Sympathie. Dank dem Inserat in Goinside und Mund-zu-Mund-Propaganda konnten auch in der Krise neue Kunden gewonnen werden. «Ich fahre gern Velo und kenne Gossau bald besser als meine Hosentasche.» Den Humor scheint André Wigger trotz schwieriger Situation noch nicht verloren zu haben.

gutbuch.ch

André Wigger ist als Buchkurier unterwegs und erntet viel Sympathie.

Viel Geld in den Umbau der Ladengeschäfte gesteckt​

Die Schäfler AG ist ein untypisches Fachgeschäft. Das Unternehmen ist mit 150 Mitarbeitenden, 23 Lernenden, 7 Papeteriefachgeschäften, Print Solutions und Büromöbeln breit aufgestellt. «Wir haben alle Fachgeschäfte im letzten Jahr umgebaut und wollten in diesem Jahr richtig durchstarten», so Patrick Ammann, Inhaber und Geschäftsführer. «Die ersten drei Monate waren wir in allen Bereichen sehr gut unterwegs. Umso frustrierender ist dieser Shutdown.» Fast alle Mitarbeitenden sind in Kurzarbeit, zwei Drittel sind zu Hause im Homeoffice. Die dreizehn Aussendienstmitarbeitenden der Bereiche Print Solutions, Interior Design und Bürobedarf betreuen die Kunden von zu Hause aus. Bestehende Aufträge werden ausgeliefert; neue Projekte sind äusserst rar. Dies hat grosse Auswirkungen auf den zukünftigen Umsatz. Das Unternehmen steht glücklicherweise finanziell auf gesunden Beinen. Entscheidend wird sein, wie die Pandemie sich weiterentwickelt und wie investitionsfreudig die Menschen danach sein werden. Patrick Ammann rechnet mit Umsatzeinbussen in Millionenhöhe.

Jeder Arbeitsplatz zählt

Das Online-Geschäft wird mit viel Energie professionalisiert und zeigt bereits sehr gute Erfolge. Das Papeterie- und Spielwarengeschäft wird über einen Abhol- oder Paketservice bedient. Etwas Spezielles hat sich das Unternehmen für die zukünftigen Erstklässler ausgedacht: Unter freiem Himmel wurde an der Ringstrasse eine Thekausstellung aufgebaut. Kinder und ihre Eltern können für 30 Minuten ein Zeitfenster buchen und verschiedene Theks ausprobieren.

piusschaefler.ch

Thekausstellung für die zukünftigen Erstklässler.

«Wir lassen uns nicht verrückt machen!»​

Es trifft das Schloss-Oberberg-Team mit voller Wucht. Anfang März begann es mit Absagen, zuerst vereinzelte Personen, dann ganze Geschäfts- und Familienessen. Am 17. März dann der Lockdown … Alle Mitarbeitenden und Lernenden sind in Kurzarbeit, der «Corona-Kredit» sichert die Liquidität. Vom Vermieter erhofft sich das Pächterpaar eine Mietzinsreduktion; die extra abgeschlossene «Epidemie-Versicherung» will nicht zahlen. Das bedeutet Ärger und Unsicherheit für das Schloss-Team. 
Kommunikation ist das Gebot der Stunde: die regelmässigen Kontakte mit den Mitarbeitenden sowie dem Lernenden, der kurz vor seinem Abschluss steht, und – entscheidend –, mit Kunden nach geeigneten Verschiebungsterminen zu suchen. Zur Kommunikation gehört auch die Überarbeitung des Online-Shops verzauberte-momente.ch und die Website des Schlosses. Der Zukunft sehen Brigitte und Daniel Schneider mit gemischten Gefühlen entgegen. Insbesondere die Ungewissheit, wann die Gastronomie wieder geöffnet werden kann, nagt an der Zuversicht. «Die vielen Absagen von Festen auch für die Sommermonate bereiten uns Sorgen.» Das Schloss Oberberg mit seinem liebevoll gepflegten Charme bleibt jedoch ein attraktives Ausflugsziel. Diese Tatsache wird «Corona» überleben. «Zudem», so Daniel Schneider, «zählen wir auf die Gossauer*innen.»

schlossoberberg.ch

Das Ausflugsziel Schloss Oberberg verwaist.

Babys warten nicht​

Vor zehn Monaten hat das Scherzinger Baby- und Schlafcenter einen Online-Shop aufgebaut. Dieser ist heute Gold wert, denn auch während der Corona-Krise werden Kinder geboren. Marion Scherzinger füllt den Shop täglich mit neuen Produkten. So können Kunden von Babykleidern über Kinderautositze bis hin zu Kinderwagen fast alles online bestellen, vor Ort abholen oder sich per Post zustellen lassen. Via Facetime wird dem Kunden die Funktionsweise eines Kinderwagens oder Autositzes vorgeführt. «Das haptische Erlebnis fehlt trotzdem», so Judith Scherzinger. Vor allem kleine Sachen wie Spielwaren und Kleider finden aber guten Absatz. «Wir haben eine kleine Packstrasse eingerichtet», so Judith Scherzinger, «und versenden heute zwischen 10 und 15 Päckli pro Tag.» Das Geschäft mit Kindermöbeln und vor allem der ganze Bereich rund ums Schlafcenter sind jedoch buchstäblich eingeschlafen.

scherzingerag.ch

Die Scherzinger AG setzt auf Social Media als Kommunikationskanal mit Kunden.

In den Strassen von Gossau entdeckt.

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