Den älteren Menschen den Puls gefühlt

Menschen, die über 65 Jahre alt sind, stehen aktuell dreifach im Scheinwerferlicht. Erstens gelten sie nach den 63 Prozent Ja der Stimmberechtigten zum Projekt «SchwalbePlus» auf der Siegerseite, zweitens gelten sie bezüglich Corona-Virus als Risikogruppe und drittens gehören sie zur Bevölkerungsgruppe der älteren Menschen. In allen drei Fällen stellt sich aber die gleiche Frage: Wie und wie stark kümmert sich die Stadt Gossau um ihre älteren Bewohnerinnen und Bewohner?
Stadträtin Helen Alder Frey: «Die älteren Menschen von Gossau sind mit ihrem Leben mehrheitlich zufrieden.»
Barbara Züst betreut ab 1. April 2020 die neue «Fach­stelle Alter Gesundheit» der Stadt Gossau.

Die Statistik weist für die Stadt Gossau per 31. Dezember 2019 insgesamt 17969 Einwohner aus. Davon sind 9055 weiblichen und 8914 männlichen Geschlechts. Von diesen 17969 Personen sind insgesamt 3674 Menschen oder doch 20,44 Prozent 65 Jahre alt oder älter – 2020 Frauen und 1654 Männer. Mit 1028 Personen macht die Gruppe der 65- bis 69-Jährigen mit knapp 28 Prozent den grössten Teil der älteren Menschen aus. Die Gruppe der 70- bis 80-Jährigen zählt 1698 weibliche und männliche Mitglieder. Zwischen 80 und 89 Jahre alt sind 759 Gossauerinnen und Gossauer. Schliesslich stehen in der Statistik noch 189 Frauen und Männer, die über 90 Jahre alt sind. Interessante «Anomalität»: Sind in allen Altersgruppen Ü65 die Frauen in der Überzahl, sind es bei den Ü100 die Männer mit 3:2.

Es stellt sich die Frage, wer sich auf Seiten der Stadt um die Anliegen von 20,44 Prozent der Bevölkerung kümmert. 

Wer kümmert sich bei der Stadt?

Mit einem Anteil von 20,44 Prozent stellen die Ü65 doch eine bedeutende Gruppe. Dies zeigt sich vor allem bei Abstimmungen und Wahlen, wo sie regelmässig prozentual die höchste Zahl an Stimmenden aufweist – und damit natürlich überproportional Einfluss auf den Ausgang der Abstimmungen und Wahlen nimmt. Doch den Ü65 dafür einen Vorwurf zu machen, greift zu kurz. Vielmehr sind es die «Ü65», welche auf die Ausübung ihres Stimm- und Wahlrechtes und damit auf einen Teil ihrer Entscheidungsgewalt verzichten.
Doch darum geht es hier nicht. Vielmehr stellt sich die Frage, wer sich auf Seiten der Stadt um die Anliegen von 20,44 Prozent der Bevölkerung kümmert. Schaut man aufs Organigramm der Verwaltung der Stadt Gossau und auf die Payroll, also die Liste derjenigen Personen, die im Sold der Stadt stehen, so ist das Bild erstaunlich. Während sich im Rahmen der Schule Goss­­au über 150 Personen um die Belange der 4- bis 18-Jährigen kümmern, findet sich im Organigramm der Stadt aktuell keine Stelle, die ausschliesslich für die Belange der Ü65-Gruppe im Einsatz steht.

Städtische und private Altersheime

Diese Betrachtungsweise ist allerdings nicht korrekt. Denn wie Helen Alder Frey, Stadträtin und Vorsteherin des Departements Jugend Alter Soziales der Stadt Gossau, erklärt, werden die verwaltungstechnischen Aspekte wie etwa die Abrechnung der Pflegefinanzierung in ihrem Departement erledigt. Sie räumt aber ein: «Es stimmt schon, bisher hat sich bei uns niemand ausschliesslich um die Belange der älteren Menschen gekümmert. Doch gibt es ausserhalb der Stadtverwaltung eine grosse Zahl von Vereinen und Organisationen, die sich für das Wohl der älteren Menschen einsetzt.» An erster Stelle zählt sie die Alters- und Pflegeheime auf. Im Auftrag der Stadt Gossau kümmert sich die Sana Fürstenland mit den beiden Standorten Altersheim Espel und Betagtenzentrum Schwalbe um die pflegebedürftigen Bewohnerinnen und Bewohner. Daneben stehen mit dem Altersheim Abendruh und den Alterszentren Casa Solaris und VitaTertia drei private Anbieter von «Wohnen im Alter» und «Pflege im Alter» zur Auswahl. Diese drei Privaten sind mit einer vom Kanton festgelegten Anzahl an Pflegeplätzen (vgl. Kasten) in der kantonalen Pflegeheimliste aufgeführt. Damit ist garantiert, dass sich die Krankenversicherungen und die öffentliche Hand an den Pflegekosten beteiligen und allenfalls auch Ergänzungsleistungen zur Alters- und Hinterlassenenversicherung beansprucht werden können.

Defizite ermittelte die Untersuchung etwa im Bereich des «bezahl­baren Wohnens» und beim ­lokalen ÖV. ­Vermisst wurde auch eine zentrale Auskunftsstelle für ­ältere Menschen.

Vereine und Hilfsorganisationen

Weil sich der Wechsel der älteren Menschen von den privaten Räumen ins Heim altersmässig immer weiter nach hinten verschiebt, wächst die Zahl der älteren Menschen, die bei sich zu Hause auf Hilfe angewiesen sind. «Hier wirken oft die Verwandten der alten Menschen», erklärt Helen Alder. «Diese Hilfe entlastet die Allgemeinheit sehr.» Daneben kümmern sich auch Vereine und Organisationen um die ältere Generation. Geht es um die Pflege zu Hause, steht an erster Stelle die Spitex Gossau. Als gemeinnütziger Verein betreibt die Spitex einen Pflegedienst mit rund 25 Pflegefachfrauen, die pro Jahr in Gossau, Arn­egg und Andwil mehr als 40000 Hausbesuche absolvieren und dabei pflegebedürftige alte Menschen betreuen. Geht es um Haushilfe, Mahlzeiten- oder Fahrdienst, Beratung in adminis­trativen Belangen oder altersgerechte Kurse aller Art, steht die Pro Senectute Gossau & St. Gallen Land mit ihrem mehrköpfigen Team bereit.
Neben diesen beiden Schwergewichten der Altenbetreuung und der KESB, die sich von Amtes wegen um Interessen der älteren Menschen kümmert, gibt es in Gossau aber noch eine ganze Anzahl weiterer Vereine und Organisationen, die sich für das Wohl der Alten einsetzt: So das Menü-Mobil, der Friedegg-Treff, die Tavola für ältere Menschen, das Tixi-Taxi, das Palliativforum Tannenberg und der Entlastungsdienst Wil-Gossau-Untertoggenburg. Nicht zu vergessen: Auch die Katholische und die Evangelische Kirchgemeinde sorgen sich im Rahmen ihrer Aktivitäten ebenfalls speziell um die älteren Gemeindemitglieder.

Betagtenzentrum Schwalbe, Kantonale Pflegeplätze: 68
Casa Solaris, Kantonale Pflegeplätze: 32
Altersheim Abendruh, Kantonale Pflegeplätze: 71
Altersheim Espel, Kantonale Pflegeplätze: 49
VitaTertia, Kantonale Pflegeplätze: 70
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Mehr oder weniger zufrieden

Bei der ganzen Fülle dieser Betreuungs- und Dienstleistungsangebote stellt sich die Frage, ob das den Bedürfnissen der älteren Menschen entspricht und wie diese damit zufrieden sind. Antworten finden sich in der Umfrage zu den «Dienstleistungen im Alter in der Stadt Goss­­au», welche die terzStiftung Schweiz im Jahr 2018 im Auftrag der Stadt Gossau durchgeführt hat. Befragt wurden die über 50-Jährigen der ständigen Wohnbevölkerung, also auch die ausländischen Bewohnerinnen und Bewohner dieser Alterskategorie. Ihnen wurden 35 Fragen zur Wohnsituation, zu den angebotenen Dienstleistungen und zum Bereich Freizeit, Kultur und Bildung gestellt. «Mit dieser Umfrage haben wir unseren älteren Mitmenschen den Puls gefühlt», fasst Stadträtin Alder zusammen. «Die Auswertung hat ergeben, dass sie alles in allem mit ihrer Lebenssituation und dem Leben in Gossau zufrieden sind.» Defizite ermittelte die Untersuchung etwa im Bereich des «bezahlbaren Wohnens» und beim lokalen ÖV. Vermisst wurde auch eine zentrale Auskunftsstelle für ältere Menschen.

Neue «Fachstelle Alter Gesundheit»

Auf diese «Vermisstmeldung» hat das Departement Jugend Alter und Soziales jetzt reagiert. Ab 1. April 2020 gibt es auf dem Rathaus die «Fachstelle Alter Gesundheit». Helen Alder: «Damit schaffen wir eine Auskunfts- und Koordinationsstelle für Fragen, welche ältere Menschen und ihre Gesundheit betreffen. Die Fachstelle wird vor allem für telefonische Auskünfte und Beratungen zur Verfügung stehen und dabei mehrheitlich zwischen den verschiedenen Anbietern und den älteren Menschen vermitteln. Die Herausforderungen in der Betreuung älterer Menschen wird in den nächsten Jahren aufgrund der demografischen Entwicklung noch komplexer werden. Die Fachstelle soll helfen, die richtigen Strukturen aufzubauen. «Die neue Fachstelle wird in einem 40-Prozent-Pensum von Barbara Züst betreut werden. Die 52-jährige zweifache Mutter ist ausgebildete Pflegefachfrau und verfügt über ein juristisches Lizenziat der Universität St. Gallen.
Als zweite Massnahme plant die Stadt eine Informationsplattform zum Thema Altersfragen. Die neue Plattform soll per 1. April 2020 aufgeschaltet werden.

Ü65

1954 – 1950

Frauen: 538
Männer: 490
Total: 1028

1949 – 1945

Frauen: 480
Männer: 463
Total: 943

1944 – 1940

Frauen: 413
Männer: 342
Total: 755

1939 – 1935

Frauen: 277
Männer: 193
Total: 470

1934 – 1930

Frauen: 188
Männer: 101
Total: 289

1929 – 1925

Frauen: 97
Männer: 51
Total: 148

1924 – 1920

Frauen: 25
Männer: 11
Total: 36

1919 und älter

Frauen: 5
Männer: 2
Total: 3

SchauPlatz

Was empfinden Heimbewohner?

Vielen Gossauerinnen und Gossauern ist am Abstimmungssonntag ein Stein vom Herzen gefallen. Das Projekt «SchwalbePlus» hat durch Zustimmung der Bevölkerung für die pflegebedürftigen Heimbewohnerinnen und -bewohner ein echtes PLUS erfahren. Viel wurde im Vorfeld von Gegnern und Befürwortern geschrieben, nur die Insassen selber kamen pressemässig kaum zu Wort. Ihr Empfinden zu schildern, ist sicher schwierig, doch es lassen sich gefühlsmässig Überlegungen anstellen. Im fortgeschrittenen Alter bin ich selber und ein Abschätzen der Lage von Heiminsassen konnte ich in den vergangenen Jahren als Fahrer im freiwilligen Dienst aufbauen. Menschen im hohen Alter sehnen sich meistens nach einem wohlwollenden sozialen Netz, in welchem sie sich wohlfühlen. Liebevolle, fachgerechte Betreuung in wohnlicher Umgebung, zusammen mit Menschen in ähnlichem Gemüts- und Gesundheitszustand ist entscheidend. Verständnis, Zuneigung und grosse Aufmerksamkeit sind ihnen wichtig. Dafür verantwortlich ist das Pflegepersonal, welches mit möglichst guten Orts- und Arbeitsbedingungen die lobenswerten Aufgaben übernimmt. Entscheidend für Menschen im Alter ist ein zentraler Ort, wo persönliche Begegnungen und Gespräche möglich sind und sie sich nicht durch Abgeschiedenheit von der Öffentlichkeit verlassen fühlen.

Mit dem Entscheid für eine optimale Übergangslösung sind die oben genannten Voraussetzungen in greifbare Nähe gerückt. Die Sana Fürstenland und das Ja-Komitee ProVisorium verdienen höchsten Dank. Jetzt können die Insassen und das Personal des Pflegedienstes im Espel endlich aufatmen und sich auf ein altersgerechtes Wohnen freuen. 

Norbert Wenk, Gossau

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