Aus der Ferne beobachtet

Goinside wirft mit dem erfahrenen Politfuchs Reto Antenen, Experte, Journalist und Beobachter der st.gallischen Parteienlandschaft, einen Blick auf Gossau. Er offenbarte überraschende Ansichten über die Fürstenland metropole – mit kritischem Aussenblick.

Auf die Frage, was er an Gossau besonders attraktiv findet, war die spontane Antwort: « Goss au hat gute Beizen!» Und natürlich der Walter Zoo und das Gymnasium Friedberg. Und Antenen weiter: «Mit Bruno Damann hat Gossau einen ausgezeichneten Repräsentanten für die Stadt Gossau und den ganzen Kanton.» Auch wenn Gossau städtebaulich wenige Highlights sein Eigen nennt, so konnte Gossau doch viele Jahre mit dem FC Gossau und dem TSV Forti tudo auftrumpfen. Überhaupt der Sport, der hat es Reto Antenen angetan. «Mit Giulia Stein gruber habt ihr eine Weltklasse-Athletin in Euren Reihen.» Dass der FC St. Gallen seine General versammlung bis vor Kurzem im Fürstenlandsaal in Gossau abhielt, hat den eingefleischten Stadtsanktgaller fast etwas geärgert.

Dauerbrenner

Der Verkehr, eines der ersten Themen, das Reto Antenen einfällt. Schon während seiner Zeit als LDU-Kantonsrat und Unternehmer war das Gossauer Verkehrsproblem ein Dauerthema. Im Kantonalen Strassenplan war mehrmals die Umfahrung der St. Gallerstrasse über das Industriegebiet ins Breitfeld geplant, die das Zentrum entlasten sollte.

Parteilose haben keine «Hausmacht».

Bis heute ein unerfüllter Traum. Das Gleiche gilt für die Bahnhofsgestaltung mit Unterführung und Busbahnhof, die erst jetzt wieder auf der politischen Agenda steht. Die Schwierig keiten der Sana Fürstenland sind bis nach St. Gallen gedrungen. Gossau kann es – nicht? Ganz so einfach ist die Sache nicht. «Den Industrie standort ‹St. Gallen West – Gossau Ost› und, ganz neu, Sommerau Nord, haben die Gossauer professionell positioniert und sich damit interessante Arbeitsplätze gesichert. Da seid ihr mindestens so gut wie die Stadt», lacht Antenen.

Politisches Gossau

Dass Gossau zum Wahlkreis St. Gallen gehört, empfindet der Stadtsanktgaller Antenen nicht als Nachteil. Dank des grossen Wahlkreises kann eine kleine Partei mit drei Prozent Wähleranteil bereits einen Sitz gewinnen. Dies ist demokratie politisch wichtig. Allerdings ist es dadurch für eine Kandidatur aus Gossau bedeutend schwieriger, sich in der Stadt St. Gallen Gehör zu verschaffen. Wahlen werden in St. Gallen gewonnen. Der glp-Sympathisant Antenen findet in der FLiG ein valables Pendant zu den aufstrebenden Grünliberalen. Dass sich die eigens für Gossau gegründete Partei mit vier Parlamentssitzen gegen etablierte Parteien wie die SP oder die FDP behaupten konnte, findet er beachtlich. Auch wenn die CVP ihre absolute Mehrheit längst eingebüsst hat, konnte sie sich auf Augenhöhe mit der SVP – entgegen dem kantonalen Trend – behaupten. Und ein parteiloser, externer Stadtpräsident? «Parteilosigkeit wird zunehmen», davon ist Antenen überzeugt. «Dies muss nicht schlechter sein, stellt aber die Organisation des politischen Systems vor neue Herausforderungen, da sich Parteilose nicht auf eine ‹Hausmacht› abstützen können.» Dass sich ein Externer gegen einen gut vernetzten Einheimischen durchgesetzt hat, ist für Antenen nicht ungewöhnlich. «Ein Externer hatte keine Möglichkeit, in Fettnäpfchen zu treten, muss sich aber das persönliche Netzwerk neu aufbauen. Ein anspruchsvolles Unterfangen.» Und das Parlament? «Als Städter fällt auf, dass in Gossau viel öfter das Volk befragt wird. Als Nicht-Insider kann ich dies nicht nachvollziehen.»

Zum Interviewpartner

Reto Antenen ist neben seiner beruflichen Tätigkeit als Politexperte bei «Tele Ostschweiz» aktiv und engagiert sich stark für soziale Institutionen und nachhaltige Projekte. Er war von 1975 bis 1998 Mitglied des städtischen Parlaments und 1990 dessen Präsident und höchster Stadtsankt galler. Bis 2008 politisierte er zwanzig Jahre lang im Kantonsrat (LdU, zuletzt parteilos) und konnte als couragierter Politiker viele Vorstösse und Anliegen durchbringen. Dem Publikum ist er bekannt als der «Mann mit dem Halstuch».

«Gossau sollte zur Stadt St. Gallen gehören» Und zum Schluss wird es provokativ. «Um gegen die Metropole Zürich bestehen zu können, braucht es eine wirtschaftlich und kulturell starke Stadt St. Gallen», davon ist Reto Antenen überzeugt. Deshalb wäre es aus seiner Sicht logisch, dass mit umliegenden Gemeinden wie Gossau, Gaiserwald und Wittenbach fusioniert werden sollte. Dadurch würde die Bevölkerung weit über 100 000 Einwohner*innen zählen und mit attraktiven Arbeitsplätzen ein interessantes Steuer substrat erwirtschaften, mit dem sich kulturelle und städtebauliche ‹Leuchttürme› realisieren liessen. Dies die Vision des St. Galler Politexperten von einer starken Ostschweiz mit Ausstrahlung, die im nationalen und internationalen Umfeld eine bedeutende Rolle spielen könnte. Auch wenn diese Überlegungen nicht einfach von der Hand zu weisen sind, ist dies für Gossauer Köpfe nicht denkbar.

Gossau kann sich selbstbewusst neben St. Gallen stellen.

Auf die Frage, welchen Tipp er Gossau geben würde, meinte Antenen spontan: «Seien Sie selbstbewusster! Gossau hat aktuell mit der Vizepräsidentin des Kantonsrats und mit Regierungspräsident Damann zwei ‹Zugpferde›, die das positive Image in den Kanton tragen. Mit dem Strassenfest, dem überregionalen Weihnachtslauf, einem der grössten Chläusler der Region und einem lebendigen Kultur- und Vereinsleben dürfen Sie sich selbstbewusst neben die Stadt St. Gallen stellen.» Ob dies die wahren Gründe für seine Fusionsgelüste sind, lässt er offen. (ca)

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